Klima – Wandel – Aufbruch

Klima – Wandel – Aufbruch – eine Einführung in die Enzyklika
„Laudato si“

Manuskript für den Einführungsvortrag zum Jahresmotto der Pfarrgemeinden Aidlingen, Ehningen und Gärtringen:
Klima – Wandel – Aufbruch

Begrüßung

Zuerst möchte ich ein Kompliment für das ausgewählte Jahresmotto aussprechen:
Klima – Wandel – Aufbruch

Dieses Motto spiegelt die Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus ganz hervorragend wider.
Das Ergebnis der Klimakonferenz in Paris, hat vielleicht bei der Auswahl des Mottos auch eine Rolle gespielt. Einschränkend muss man hier allerdings sagen, dass die Beschlüsse von Paris zunächst nur Absichtserklärungen sind, es kommt jetzt ganz darauf an, dass auch die erforderlichen, konkreten Maßnahmen folgen. Da sieht es aber nach meiner Meinung noch nicht nach Aufbruch aus, auch nicht bei uns in Deutschland.

Die Enzyklika wird allgemein als Umwelt-Enzyklika bezeichnet. Das ist aber nicht ganz richtig, denn es ist auch eine Sozial-Enzyklika. Papst Franziskus sieht das Ökologische und das Soziale immer als eine Einheit. Dazu werde ich im Vortrag einige typischen Stellen zitieren.

Ich werde mich aber, dem Motto entsprechend, fast ganz auf das Klimathema beschränken.

Ich habe versucht, auch den Vortrag entsprechend dem Jahresmotto zu gliedern in:
Klima –   Wandel –  und Aufbruch
Ich werde dazu viele Stellen aus der Enzyklika, manchmal leicht gekürzt, zitieren.

Zum Schluss werde ich am Beispiel Deutschland darstellen, wie groß die Herausforderung zur Abmilderung des Klimawandels ist, und ich werde einen konkreten Vorschlag vortragen, wie der Klimawandel am ehesten noch in erträgliche Grenzen gehalten werden kann.

Papst Franziskus (PF) bezeichnet die Erde als das „gemeinsame Haus“ das wir Menschen zusammen mit den Tieren und Pflanzen bewohnen. Er richtet deshalb seine Botschaft an alle Menschen, nicht nur an die Katholiken, so wie auch Papst Johannes der XXIII. mit seiner Enzyklika „Pacem in terris“ sich ebenfalls an „alle Menschen guten Willens“ gewandt hat.

Im ersten Kapitel, mit der Überschrift „Was unserem Haus widerfährt“ schreibt PF zur Klimaproblematik (23):

„Das Klima ist ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle. Es ist auf globaler Ebene ein kompliziertes System, das mit vielen wesentlichen Bedingungen für das menschliche Leben verbunden ist. Es besteht eine sehr starke wissenschaftliche Übereinstimmung darüber, dass wir uns in einer besorgniserregenden Erwärmung des Klimasystems befinden. […]Die Menschheit ist aufgerufen, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Leben, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen, um diese Erwärmung […] zu bekämpfen.“

Ich bitte um Nachsicht, dass nun ein längeres Zitat folgt. PF beschreibt im Absatz 25, wie der Klimawandel vor allem den armen Menschen in den Entwicklungsländern Probleme bereitet:

„Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Dimensionen; sie stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar. Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. […] Die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung.
So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, …“

Das Schaubild zeigt den gravierenden Anstieg der mittleren Oberflächentemperatur der Erde in den letzten 130 Jahren.

Scale

Wir müssen uns im Klaren sein, dass dieser Temperaturanstieg vor allem von den Industrienationen verursacht wurde.

In der Enzyklika behandelt PF auch die Probleme beim Zugang zu Trinkwasser, was er als ein grundlegendes, fundamentales und allgemeines Menschenrecht (30) bezeichnet. Ebenso geht er auf den „Verlust der biologischen Vielfalt“ ein. Beide Probleme entstehen durch den Klimawandel, den Ressourcenverbrauch und durch unsere Lebensweise.

Zum Problem der Ausbeutung der Ressourcen schreibt PF (27):

„Andere Anzeichen der aktuellen Situation stehen im Zusammenhang mit der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen. Wir wissen sehr wohl, dass es unmöglich ist, das gegenwärtige Konsumniveau der am meisten entwickelten Länder und der reichsten Gesellschaftsschichten aufrechtzuerhalten, wo die Gewohnheit, zu verbrauchen und wegzuwerfen, eine nie dagewesene Stufe erreicht hat. Es sind bereits gewisse Höchstgrenzen der Ausbeutung des Planeten überschritten worden, ohne dass wir das Problem der Armut gelöst haben.“

Das ist ein erstes Beispiel, wie PF das Ökologische und das Soziale zusammen sieht.

PF geht im ersten Kapitel auch auf die Unzulänglichkeit  und Ungerechtigkeit der Politik ein. Er schreibt (51):

„Besonders muss man der Tatsache Rechnung tragen, dass der Umweltbereich des gesamten Planeten zur »Entsorgung« gasförmiger Abfälle gebraucht wird, die sich im Laufe von zwei Jahrhunderten angesammelt und eine Situation geschaffen haben, die nunmehr alle Länder der Welt in Mitleidenschaft zieht. Die Erwärmung, die durch den enormen Konsum einiger reicher Länder verursacht wird, hat Auswirkungen in den ärmsten Zonen der Erde, besonders in Afrika, wo der Temperaturanstieg vereint mit der Dürre verheerende Folgen für den Ertrag des Ackerbaus hat.“

Sehr interessant ist auch, was PF im Absatz 52 beschreibt:

„Die Auslandsverschuldung der armen Länder ist zu einem Kontrollinstrument geworden, das Gleiche gilt aber nicht für die ökologische Schuld. Auf verschiedene Weise versorgen die weniger entwickelten Völker, wo sich die bedeutendsten Reserven der Biosphäre befinden, weiter die Entwicklung der reichsten Länder, auf Kosten ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft. […]Es ist notwendig, dass die entwickelten Länder zur Lösung dieser Schuld beitragen, indem sie den Konsum nicht erneuerbarer Energie in bedeutendem Maß einschränken und Hilfsmittel in die am meisten bedürftigen Länder bringen, um politische Konzepte und Programme für eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen.“

PF fordert also ganz klar, dass die Staaten, die den Klimawandel verursacht haben und immer noch verstärken, den Menschen in den betroffenen Staaten helfen müssen, die Probleme zu bewältigen.

Kurz danach schreibt er weiter (53):

„Diese Situationen rufen das Stöhnen der Schwester Erde hervor, die sich dem Stöhnen der Verlassenen der Welt anschließt, mit einer Klage, die von uns einen Kurswechsel verlangt. Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten.
Doch wir sind berufen, die Werkzeuge Gottes des Vaters zu sein, damit unser Planet das sei, was Er sich erträumte, als Er ihn erschuf, und seinem Plan des Friedens, der Schönheit und der Fülle entspreche. Das Problem ist, dass wir noch nicht über die Kultur verfügen, die es braucht, um dieser Krise entgegenzutreten.

Das Zitat geht dann mit einem etwas holprigen Satz weiter:

Es ist notwendig, leaderships zu bilden, die Wege aufzeigen, indem sie versuchen, die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen unter Einbeziehung aller zu berücksichtigen, ohne die kommenden Generationen zu beeinträchtigen.

Das Wort leaderships wurde nicht übersetzt. Ich verstehe den Satz so, dass PF dazu aufruft, dass sich Gruppen bilden, vermutlich mehrere Staaten,  oder vielleicht auch interstaatliche Organisationen, die sich für eine solidarische und zukunftsfähige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einsetzen und sie dann auch verwirklichen, damit die Probleme gelöst werden können.

Der nächste Satz verdeutlicht das noch etwas, ich zitiere:

Es wird unerlässlich, ein Rechtssystem zu schaffen, das unüberwindliche Grenzen enthält und den Schutz der Ökosysteme gewährleistet, bevor die neuen Formen der Macht, die sich von dem techno-ökonomischen Paradigma herleiten, schließlich nicht nur die Politik zerstören, sondern sogar die Freiheit und die Gerechtigkeit.

Dieser Satz verrät einiges! Ich lese ihn nochmals:

Das techno-ökonomische Paradigma, meistens nennt er es nur das technokratische Paradigma, ist vermutlich ein anderer Ausdruck für die kapitalistische Wirtschaftsweise, in der die technischen Möglichkeiten voll für die Gewinnerzielung genutzt werden.

So wird es offensichtlich auch von den deutschen Presseorganen verstanden. Nur so ist zu erklären, dass z.B. in der FAZ die Vermutung geäußert wurde, dass diese Enzyklika die „neue Mao-Bibel der Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker“ werden könnte.
Die Worte Kapitalismus oder kapitalistisch kommen aber in der ganzen Enzyklika nicht ein einziges Mal vor.

Aber es ist schon erkenntlich was PF meint. Ich zitiere weiter im Text:

„Auffallend ist die Schwäche der internationalen politischen Reaktion. Die Unterwerfung
der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen zeigt sich in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen. Es gibt allzu viele Sonderinteressen, und leicht gelingt es dem wirtschaftlichen Interesse, die Oberhand über das Gemeinwohl zu gewinnen und die Information zu manipulieren, um die eigenen Pläne nicht beeinträchtigt zu sehen.
In diesem Sinn fordert das Dokument von Aparecida, (es wurde von den lateinamerikanischen Bischöfen 2007 verfasst) »dass bei den Eingriffen in die natürlichen Ressourcen nicht die Interessen von Wirtschaftskreisen den Vorrang haben dürfen, die […] auf irrationale Weise die Quellen des Lebens vernichten«. Das Bündnis von Wirtschaft und Technologie klammert am Ende alles aus, was nicht zu seinen unmittelbaren Interessen gehört.“

Vom ersten Kapitel möchte ich noch 3 weitere aber kurze Stellen zitieren (56):

„Indessen fahren die Wirtschaftsmächte fort, das aktuelle weltweite System zu rechtfertigen, in dem eine Spekulation und ein Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen, die dazu neigen, den gesamten Kontext wie auch die Wirkungen auf die Menschenwürde und die Umwelt zu ignorieren.

Im nächsten Absatz 57 schreibt PF:

„Es ist vorhersehbar, dass angesichts der Erschöpfung einiger Ressourcen eine Situation entsteht, die neue Kriege begünstigt, die als eine Geltendmachung edler Ansprüche getarnt werden. […] Von Seiten der Politik ist eine größere Aufmerksamkeit nötig, um den Situationen, die neue Konflikte verursachen können, zuvorzukommen und sie zu lösen.“

Aus dem letzten Absatz des ersten Kapitels möchte ich noch einen Abschnitt zitieren,
der Hoffnung vermittelt:

„Die Hoffnung lädt uns ein zu erkennen, dass es immer einen Ausweg gibt, dass wir immer den Kurs neu bestimmen können, dass wir immer etwas tun können, um die Probleme zu lösen. […] Es gibt [jedoch]Regionen, die bereits in besonderer Gefahr sind, und abgesehen von jeglicher Katastrophenprognose ist sicher, dass das gegenwärtige weltweite System unter verschiedenen Gesichtspunkten unhaltbar ist, denn wir haben aufgehört, an den Zweck menschlichen Handelns zu denken.

Diese letzte Feststellung kommt immer wieder in ähnlicher Form vor.

Das zweite Kapitel mit der Überschrift „Das Evangelium von der Schöpfung“ ist quasi die theologische Einbettung der Enzyklika in die Heilige Schrift und auch ein Aufruf an die Gläubigen, Gottes Schöpfung zu bewahren.

Damit kommen wir ganz allmählich zum zweiten Thema des Jahresmottos: Wandel

Ein Satz, ziemlich am Anfang des 2. Kapitels,  ist sehr interessant. Ich zitiere (64):

„Deshalb ist es ein Nutzen für die Menschheit und für die Welt, dass wir Gläubigen die ökologischen Verpflichtungen besser erkennen, die aus unseren Überzeugungen hervorgehen.“

Er geht also davon aus, oder erwartet es zumindest, dass die Gläubigen ökologische Vorbilder sind!!
Im letzten Kapitel stellt er allerdings fest (217):

„Doch wir müssen auch zugeben, dass einige engagierte und betende Christen unter dem Vorwand von Realismus und Pragmatismus gewöhnlich die Umweltsorgen bespötteln…

Im 2. Kapitel kommt noch eine interessante Bemerkung:

„Darum beabsichtigt die Kirche mit ihrem Tun, nicht nur an die Pflicht zu erinnern, die Natur zu hüten, sondern »sie muss vor allem den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen«.“

Dann springe ich schon zum dritten Kapitel mit der Überschrift:
„Die menschliche Wurzel der ökologischen Krise“
Das Kapitel beginnt mit dem Satz:

„Es wird uns nicht nützen, die Symptome zu beschreiben, wenn wir nicht die menschliche Wurzel der ökologischen Krise erkennen.“

Hier wird wieder ganz deutlich, wie PF alles als eine Einheit erkennt.

4 Absätze weiter schreibt er (105):

„Tatsache ist, dass »der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird«, denn das enorme technologische Wachstum ging nicht mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher.

In den nächsten Absätzen beschreibt PF was er als die Hauptprobleme hält:

„Das Grundproblem ist […] nämlich die Art und Weise, wie die Menschheit tatsächlich die Technologie und ihre Entwicklung zusammen mit einem homogenen und eindimensionalen Paradigma angenommen hat. […]Von da aus gelangt man leicht zur Idee eines unendlichen und grenzenlosen Wachstums, das die Ökonomen, Finanzexperten und Technologen so sehr begeisterte. Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus, die dazu führt, ihn bis zur Grenze und darüber hinaus »auszupressen«. Es handelt sich um die irrige Annahme, »dass man über eine unbegrenzte Menge von Energie und Ressourcen verfügen könne,….“

Weiter schreibt PF (109):

„Das technokratische Paradigma tendiert auch dazu, die Wirtschaft und die Politik zu beherrschen. […] [und] Die Finanzen ersticken die Realwirtschaft.

Sehr deutlich wird er im Absatz 111:

„Die ökologische Kultur kann nicht reduziert werden auf eine Serie von dringenden Teilantworten auf die Probleme, die bezüglich der Umweltschäden, der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen und der Verschmutzung auftreten. Es müsste einen anderen Blick geben, ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine Spiritualität, die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden. Andernfalls können auch die besten ökologischen Initiativen schließlich in derselben globalisierten Logik stecken bleiben. […]

Und dann wieder hoffnungsvoll:
Es ist jedoch möglich, den Blick wieder zu weiten. Die menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist.

Ich füge hinzu: Wir müssen es aber wollen!

Folgender Satz im Abschnitt 118 hat mich sehr nachdenklich und sogar traurig gemacht:

„Es wird keine neue Beziehung zur Natur geben ohne einen neuen Menschen. Es gibt keine Ökologie ohne eine angemessene Anthropologie.“

Wenn das so ist, dann befürchte ich, dass wir nicht in der Lage sein werden, den Klimawandel noch rechtzeitig so abzuschwächen, dass nicht ganz weite Bereiche der Erde für uns Menschen unbewohnbar werden, denn Christus war ja nicht erst vor einigen Jahren auf der Erde, sondern vor 2000 Jahren, und wir sind immer noch nicht in der Lage, seine Botschaft wirklich in die Tat umzusetzen!

PF sagt uns, dass ein ganz fundamentaler Wandel erforderlich ist!!

Im 4. Kapitel mit dem Titel „Eine ganzheitliche Ökologie“ gibt er Hinweise, was bei der Suche nach dem Lösungsweg zu beachten ist.

Im Absatz 139 schreibt er:

„Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.

Das ist wieder ein Beispiel, wie PF das Ökologische, das Soziale und das Gesellschaftliche zusammen denkt.
Er sieht auch die Gefahr, dass durch die Globalisierung der Reichtum, der in den verschiedenen Kulturen steckt, verloren geht. Er schreibt im Absatz 144:

„Die konsumistische Sicht des Menschen, die durch das Räderwerk der aktuellen globalisierten Wirtschaft angetrieben wird, neigt dazu, die Kulturen gleichförmig zu machen und die große kulturelle Vielfalt, die einen Schatz für die Menschheit darstellt, zu schwächen.“

Ab dem Absatz 159 fordert PF eine generationsübergreifende Gerechtigkeit.  Ich zitiere:

„Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen? […]  Wenn diese grundlegende Frage nicht lebendig mitschwingt, glaube ich nicht, dass unsere ökologischen Bemühungen bedeutende Wirkungen erzielen können. […]  Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht. Die Abschwächung der Auswirkungen des derzeitigen Ungleichgewichts hängt davon ab, was wir jetzt tun, vor allem, wenn wir an die Verantwortung denken, die uns von denen zugewiesen wird, die die schlimmsten Folgen zu tragen haben.“

Aus dem 5. Kapitel könnte man noch ganz viele Stellen zitieren, die hierher passen, ich möchte davon nur einige Stichworte nennen:

PF fordert z.B. die Gangart der Wirtschaft in den Entwickelten Staaten etwas zu verlangsamen und vernünftige Grenzen zu setzen. Er plädiert dafür in diesen Staaten  (ich zitiere nochmals)
„eine gewisse Rezession zu akzeptieren, und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.“

Er ermahnt, über ein Modell globaler Entwicklung nachzudenken,  (kurzes Zitat)
was einschließt, »über den Sinn der Wirtschaft und über ihre Ziele nachzudenken, um Missstände und Verzerrungen zu korrigieren«.

Er weist auch darauf hin, dass die Rede vom nachhaltigen Wachstum eine Täuschung ist und oft nur der Image-Pflege dient.

Sehr interessant ist eine Passage im Absatz 165. Zuerst ist er ungeduldig und dann macht er wieder Hoffnung. Ich zitiere:

„Politik und Unternehmertum reagieren langsam, weit davon entfernt, den weltweiten Herausforderungen gewachsen zu sein. In diesem Sinn kann man sagen: Während die Menschheit des post-industriellen Zeitalters vielleicht als eine der verantwortungslosesten der Geschichte in der Erinnerung bleiben wird, ist zu hoffen, dass die Menschheit vom Anfang des 21. Jahrhunderts in die Erinnerung eingehen kann, weil sie großherzig ihre schwerwiegende Verantwortung auf sich genommen hat.

(Anmerkung: PF versteht unter dem post-kapitalistischen Zeitalter die letzten 30 Jahre, was sonst üblicherweise als die spät-kapitalistische Phase bezeichnet wird.)

Es gibt mehrere solche Stellen, wo er der Menschheit den Wandel (noch) zutraut.

Ich könnte viele Stellen zitieren, wo PF auf die Langsamkeit der Politik und die Notwendigkeit unseres Handels hinweist, so z.B. im Absatz 169:

„Wir Gläubigen dürfen nicht aufhören, Gott um das positive Vorankommen in den aktuellen Diskussionen zu bitten, damit die kommenden Generationen nicht unter den Konsequenzen fahrlässiger Verzögerungen leiden müssen.“

Und kurz danach schreibt er:

„Da sich das Recht aufgrund der Korruption manchmal als ungenügend erweist, ist eine politische Entscheidung auf Druck der Bevölkerung erforderlich. […]  Wenn die Bürger die nationale, regionale und kommunale politische Macht nicht kontrollieren, ist auch keine Kontrolle der Umweltschäden möglich.“

Er setzt also seine Hoffnung ganz auf die einzelnen Menschen.
An dieser Stelle möchte ich das Ergebnis einer Meinungsumfrage des EMNID-Instituts aus dem Jahr 2011 einflechten. Da waren 88 % der Befragten der Meinung, dass die derzeitige, kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht in der Lage sein wird, die zukünftigen ökologischen und sozialen Probleme zu lösen.

Der Ansatz von PF, auf die Menschen zu setzen, ist also grundsätzlich richtig. Aber aufgrund der bisherigen Erfahrungen sind auch Zweifel am Gelingen angebracht.

Ich springe jetzt kurz ins 6. Kapitel mit 2 Zitaten, die sehr gut zum Aufruf zum Wandel passen (202/203):

„Viele Dinge müssen ihren Lauf neu orientieren, vor allem aber muss die Menschheit sich ändern. Es fehlt das Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs, einer wechselseitigen Zugehörigkeit und einer von allen geteilten Zukunft.“

Und:

„Da der Markt dazu neigt, einen unwiderstehlichen Konsum-Mechanismus zu schaffen, um seine Produkte abzusetzen, versinken die Menschen schließlich in einem Strudel von unnötigen Anschaffungen und Ausgaben. Der zwanghafte Konsumismus ist das subjektive Spiegelbild des techno-ökonomischen Paradigmas.

Mit den letzten Zitaten und den nun folgenden, nähern wir uns dem dritten Schwerpunkt des Jahresmottos:  dem Aufbruch

Im nächsten, nochmals längeren Zitat, sagt PF sehr deutlich, was sich ändern muss:

„Die Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen. Im Hinblick auf das Gemeinwohl besteht für uns heute die dringende Notwendigkeit, dass Politik und Wirtschaft sich im Dialog entschieden in den Dienst des Lebens stellen. […] Die Rettung der Banken um jeden Preis, […], ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann.
Die Finanzkrise von 2007-2008 war eine Gelegenheit für die Entwicklung einer neuen, gegenüber den ethischen Grundsätzen aufmerksameren Wirtschaft und für eine Regelung der spekulativen Finanzaktivität und des fiktiven Reichtums. Doch es gab keine Reaktion, die dazu führte, die veralteten Kriterien zu überdenken, die weiterhin die Welt regieren.

Ein ganz wichtiger Satz steht nach meiner Meinung am Ende des Absatzes 191.
PF schreibt:

„Es geht darum, den Weg für andere Möglichkeiten zu öffnen, die nicht etwa bedeuten, die Kreativität des Menschen und seinen Sinn für Fortschritt zu bremsen, sondern diese Energie auf neue Anliegen hin auszurichten.

Auf diesen Punkt werde ich am Schluss nochmals eingehen.

Auch die nächsten beiden Zitate sind sehr wichtig (197):

„Wir brauchen eine Politik, deren Denken einen weiten Horizont umfasst und die einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft, indem sie die verschiedenen Aspekte der Krise in einen interdisziplinären Dialog aufnimmt.“ […]
„Eine Strategie für eine wirkliche Veränderung verlangt, die Gesamtheit der Vorgänge zu überdenken, denn es reicht nicht, oberflächliche ökologische Überlegungen einzubeziehen, während man nicht die Logik infrage stellt, die der gegenwärtigen Kultur zugrunde liegt.“

Sehr klar sind auch die nächsten Sätze, es ist ein Aufruf zum Aufbruch (200/201):

„In jedem Fall wird man an die Glaubenden appellieren müssen, in Übereinstimmung mit ihrem Glauben zu leben und ihm nicht mit ihrem Tun zu widersprechen; man wird sie ermahnen müssen, sich wieder der Gnade Gottes zu öffnen und zutiefst aus den eigenen Überzeugungen von Liebe, Gerechtigkeit und Frieden zu schöpfen. […]Die Schwere der ökologischen Krise verlangt von uns allen, an das Gemeinwohl zu denken und auf einem Weg des Dialogs voranzugehen, der Geduld, Askese und Großherzigkeit erfordert,…“

Schließen möchte ich den Hauptteil des Vortrags mit einem Auszug aus der im Jahr
2 000 verabschiedeten Erd-Charta, den PF in die Enzyklika übernommen hat (207):

»Wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit fordert uns unser gemeinsames Schicksal dazu auf, einen neuen Anfang zu wagen […] Lasst uns unsere Zeit so gestalten, dass man sich an sie erinnern wird als eine Zeit, in der eine neue Ehrfurcht vor dem Leben erwachte, als eine Zeit, in der nachhaltige Entwicklung entschlossen auf den Weg gebracht wurde, als eine Zeit, in der das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden neuen Auftrieb bekam, und als eine Zeit der freudigen Feier des Lebens.«

Ich schlage vor, dass wir jetzt über die zitierten Inhalte der Enzyklika diskutieren,  und dann werde ich, wie eingangs erwähnt, am Beispiel Deutschlands aufzeigen, wie schwierig es sein wird, das Klimaschutzziel zu erreichen.
In dem ich auch einen Vorschlag für einen Lösungsweg darstelle, möchte ich zeigen, dass PF Recht hat, wenn er sagt, dass es eine Lösung geben wird. Ich möchte damit Mut machen für den konkreten Aufbruch.
Danach kommt dann ein 2. Teil der Diskussion.


2. Teil des Vortrags

Seit 2007 ist bekannt, dass weltweit der jährliche Ausstoß von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 auf 2 Tonnen CO2-Äquivalent/Person reduziert werden muss. In Deutschland wurden im Jahr 2013 11,7 Tonnen/Person ausgestoßen. Der größte Teil der Treibhausgase entsteht durch den Energieverbrauch für die Stromerzeugung, den Verkehr, die Raumheizung, sowie Prozesswärme und Wasserbereitung. Weitere  140 Millionen Tonnen entstehen in den Industrieprozessen, in der Landwirtschaft und in der Abfallentsorgung  und das jeweils ohne den Energieverbrauch in diesen Wirtschaftsbereichen. Die Möglichkeiten zur Reduzierung dieser Emissionen sind, bei gleicher Produktionsmenge, sehr eingeschränkt.

Wenn man bedenkt, dass bis zum Jahr 2050 insgesamt in Deutschland nur noch 160 Millionen Tonnen an Treibhausgasen ausgestoßen werden dürfen (bei 80 Millionen Einwohnern), dann wird deutlich, vor welch riesen-großer Herausforderung wir stehen.

Wir müssen uns im Klaren sein, dass das Klimaschutzziel nur mit der Umstellung auf erneuerbare Energien allein nicht erreicht werden kann, denn es wird nicht möglich sein, die gesamte Energiemenge durch klimaneutrale, erneuerbare Energien bereitzustellen. Nachdem nun in Paris beschlossen wurde, den Ausstoß der Treibhausgase so zu drosseln, dass die Erderwärmung „deutlich unter 2 °C“ bleibt, sind die Anforderungen nochmals erheblich gestiegen. Die Reduzierung des Ausstoßes an Treibhausgasen muss jetzt noch schneller erfolgen!

Dies ist am ehesten dann erreichbar, wenn wir die Kreativität aller Menschen nutzen und auf die Lösung des Problems konzentrieren. Es müssen alle Möglichkeiten zur Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen genutzt werden.

Damit dies erreichbar ist, müssen 2 Voraussetzungen erfüllt werden:

  1. Transparenz: Bei jedem Produkt und bei jeder Dienstleistung muss bekannt sein, wie viel Treibhausgase bei der Bereitstellung entstanden sind, bzw. bei der Verwendung entstehen, so dass alle Produzenten und alle KonsumentInnen erkennen können, wie sie am effektivsten ihren Beitrag für den Klimaschutz leisten können.
  2.  Begrenzung : Zusätzlich zur Transparenz wird es erforderlich sein, dass der Ausstoß an Treibhausgasen effektiv stufenweise gedeckelt wird.

Seit 2005 ist in der EU das Emissionshandelssystem eingeführt. Dieses System hätte eigentlich die Möglichkeit zur Deckelung, sie wird aber nicht genutzt.  Die 2. Anforderung, der Transparenz, fehlt bei diesem System.

Das bisher in der EU praktizierte Emissionshandelssystem hat weitere gravierende Nachteile:

  1.  Es erfasst nur etwa 45 % desCO2-Ausstoßes, andere Treibhausgase werden gar nicht erfasst.
  2.  Es ist für die zwangsläufig entstehenden Preissteigerungen kein sozialer Ausgleich vorgesehen.
  3. Die Zertifikate sind unbegrenzt gültig, das bedeutet, dass sie auch zu Spekulationszwecken missbraucht werden können.
  4. Die Zertifikate werden nicht im erforderlichen Umfang reduziert, weil die Regierungen befürchten, dass das System dann eine angebotsreduzierende und dadurch preissteigernde Wirkung hat. Was auch zutrifft.

Aufgrund dieser Fehler war und ist das System praktisch wirkungslos.
In Deutschland wurde der Ausstoß an Treibhausgasen seit 1990 um 1,35 %/Jahr reduziert. Viele denken, das wäre eine super Leistung. Das ist es aber nicht, denn gut die Hälfte dieser Reduzierung wurde durch die Schließung großer Bereiche der Industrie in den neuen Bundesländern erreicht.
Und – um das Klimaschutzziel bis zum Jahr 2050 zu erreichen, müssen wir den Ausstoß von Treibhausgasen ab jetzt jedes Jahr um 5,1 % reduzieren!! Dies zeigt die Brisanz der Situation!

Um eine Chance zu haben, dieses Ziel zu erreichen, müssen in das Emissions-Zertifikate-System alle Treibhausgase aufgenommen werden und die Verfügbarkeit der Zertifikate muss effektiv jedes Jahr um 5,1 % reduziert werden.
Ich schlage vor, dass die Zertifikate versteigert werden und dass die Einnahmen aus dieser Versteigerung an alle Bürger in gleicher Höhe verteilt werden, dadurch erhalten diejenigen, die durch ihren Konsum wenig Treibhausgase verursachen, einen Bonus. Dieser soziale Ausgleich ist dringend erforderlich und in höchstem Maße gerecht.

In einem nächsten Schritt schlage ich vor, dass im Verkaufspreis aller Produkte die anteiligen Kosten für die Ersteigerung der Zertifikate ausgewiesen werden, so wie das bei der Mehrwertsteuer praktiziert wird. Dadurch wird der CO2-Rucksack bei jedem Produkt sichtbar.

Diese Verbesserungen werden folgende Auswirkungen haben:

  1.  Die Reduzierung auf  2 t äquivalent CO2 / Person kann erreicht werden, ohne dass zusätzliche Vorschriften erlassen werden.
  2.  Durch die Rücküberweisung der Einnahmen aus der Versteigerung ist das System sozial ausgewogen.
  3. Durch die Kosten-Transparenz ist es möglich, dass alle für sich frei entscheiden können, wie sie ihren Anteil am Ausstoß der Treibhausgase reduzieren und dadurch auch Kosten vermeiden wollen.
  4. Auch für die Unternehmen ist diese Kostentransparenz von großer Bedeutung; dadurch ersehen sie, mit welchen Maßnahmen sie den EZ-Kostenanteil am günstigsten und effektivsten reduzieren können.
  5. Da bei der Verarbeitung von Rohstoffen und beim Gütertransport Treibhausgase entstehen, hat diese neue Konzeption des Systems eine umfassende Wirkung. Es werden weniger Rohstoffe verbraucht, die Verkehrsbelastung und der Landschaftsverbrauch werden zurückgehen und es werden wartungs- und reparaturfreundliche Produkte auf den Markt kommen.
  6. Die biologische Landwirtschaft wird sich durchsetzen, da sie keine synthetischen Dünger einsetzt, weit weniger Lachgas produziert und durch die Humusanreicherung Kohlenstoff aus der Atmosphäre im Boden bindet und deshalb sehr viel weniger EZ ersteigern muss.
  7. Durch die Investitionen in die Zukunftsfähigkeit werden zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Dadurch werden mögliche Arbeitsplatzverluste ausgeglichen, die dadurch entstehen, dass Klimaschädliche Produkte und Dienstleistungen weniger nachgefragt werden.

Das Problem der angebotsreduzierenden und dann Preis steigernden Wirkung ist damit jedoch noch nicht gelöst. Dazu muss das System grundlegend umgestellt werden.

Auch dazu habe ich einen Vorschlag ausgearbeitet, den werde ich jetzt aber nicht mehr vorstellen, das würde den Zeitrahmen sprengen. Wer sich dafür interessiert, kann dazu den entsprechenden Beitrag auf meiner Homepage aufrufen, er hat den Titel:

„Vom Wissen zum Tun – zwei Wege für einen erfolgreichen Klimaschutz.“

Danke für die Aufmerksamkeit.